(POP)Culture
Nina Zimmermann
June 1, 2021

„Norbert (59) sorgt sich um die deutsche Sprache“

Warum die Forderung nach gendergerechter Sprache kein Soll, sondern ein Muss ist

"Gendersternchen, Gender-Doppelpunkt, heißt es jetzt "Rat" oder "Rätin?", wer ist weiblich, wer männlich, wer divers? Und wer soll in diesem beschissenen "Gender-Dschungel" überhaupt noch irgendetwas durchblicken? Unnötig, einfach nur unnötig, denke ich mir." – Norbert, 59, sorgt sich um die deutsche Sprache.

Er passiert überall.

Auf der Straße, im eigenen Zuhause und sogar im Bundestag. Nirgendwo ist man als Frau* wirklich sicher vor ihm: Sexismus.

Der alte Bekannte, der sich andauernd einschleicht, oft gerade da, wo man ihn am wenigsten vermuten würde. Quasi seit Anbeginn der Zeit klebt er an der Schuhsohle der Frau*. Und während er einen manchmal so sehr stört, dass man mit aller Gewalt versucht, ihn loszubekommen, gelingt es einem meist doch nicht. So wird aus den gehaltvollen Versuchen eine traurige Resignation - man lässt das „zähe Kaugummi“ also kleben und versucht, sich irgendwie damit zu arrangieren.

Frauen* werden auch heute im Jahre 2021 noch in fast allen Bereichen benachteiligt. So lautet die traurige Wahrheit. Wir zahlen Steuern für Hygieneprodukte, sammeln sexistische Kommentare (für die wir dann auch noch verantwortlich gemacht werden) und müssen zu jeder Zeit darauf achten, dass unser Rock nicht zu kurz und unser Ausschnitt nicht zu tief ist.

Und auch in der Sprache, einem Bereich, der unser ganzes Leben als Teil dieser Gesellschaft maßgeblich mitbestimmt, werden Frauen heute noch benachteiligt oder auch mal schlichtweg übersehen.

Stellt man sich also die Frage, ob es eine gendergerechte Sprache geben kann, ist die Antwort ganz klar: Es kann nicht nur, nein, es muss sie geben.

Emanzipation kann tausende Gesichter haben

Für die eine Frau* bedeutet Emanzipation, keine Kinder zu bekommen, sondern lieber einen Vorstandsposten. Die andere fühlt sich als Hausfrau und Mutter emanzipiert. Emanzipation bedeutet so viel und besteht sicher nicht nur aus Formalismen – diese sind jedoch trotzdem ein wichtiger Teil von ihr.

Ohne Sprache und Formalismen würde unsere ganze Gesellschaft nicht funktionieren.

Und ohne gendergerechte Sprache wird es niemals wirkliche Gerechtigkeit zwischen Mann, Frau und Divers geben. Sie ist sozusagen das Stützrad der Gleichberechtigung.

Wie soll sonst die Gender-Pay-Gap geschlossen werden, wenn es manchen Menschen schon zu viel Aufwand ist, ein„-in“ an das Ende eines Wortes zu hängen? Vor allem sind es scheinbar genau diese Menschen, die es völlig in Ordnung finden, das weibliche Geschlecht in Sachen „Sprache“ einfach mal komplett auszuklammern, dann aber völlig durchdrehen, wenn auf einmal sie es sind, die nur noch „mitgemeint“ sind (wie die Zeitungsnachricht „Der Rat will keine Rätin sein“ der Frankfurter Rundschau eindrücklich beweist).

„Mitgemeint“ sein, geduldig sein, bloß nie zu viel fordern. Das sind aus der Sicht dieser Menschen Handlungen und Eigenschaften, die dann doch besser zu Frauen* passen – denn das „war ja schon immer so“ und funktioniert für diese Menschen auch eigentlich recht gut.

Doch: „Tradition“ ist kein Argument und nur, weil etwas „schon immer so war“, wird es dadurch weder automatisch gut noch moralisch richtig.
Wir waschen unsere Wäsche ja heute auch in der Waschmaschine und nicht im Bach, nur weil das vor hundert Jahren eben „so war“. Fakt ist außerdem, dass Frauen* beim „generischen Gebrauch“ eben schlichtweg vergessen werden. Zugegebenermaßen war es vor 80 Jahren, als Frauen* weder studieren noch arbeiten durften, noch normal, „Studenten“ zu sagen und so nur die männlichen Studierenden anzusprechen, weil es schlicht und ergreifend keine weiblichen gab.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Und das ist gut so. Wie eine weise ehemalige Richterin des Supreme Court einst sehr treffend sagte: „Frauen gehören überall dorthin, wo Entscheidungen getroffen werden!“.

Credit: Natalie Hua auf Unsplash

„Man kann es auch übertreiben mit diesem Feminismus“

Dass Frauen* und andere Geschlechtsidentitäten sprachlich unsichtbar gemacht werden, ist für eben genau diese oft Anlass zum Echauffieren. Dass dies nun aber endlich angepackt, verändert werden soll, ist für die anderen anscheinend ein noch größerer Grund zur Aufregung.

„Man kann es ja auch übertreiben mit diesem Feminismus“, „Hier in Deutschland sind doch sowieso schon alle ziemlich gleichberechtigt. Warum also etwas verändern?“

Weil „ziemlich gleichberechtigt“ eben nicht gleichberechtigt ist.

Klar haben wir viele weitere Baustellen, an denen es zu arbeiten gilt. Doch ist die Sprache eben ein wichtiger Anfang, der getan werden muss. Ein angekratztes Ego von Männern, die nun nicht mehr alleine angesprochen werden, darf hier keine unüberwindbare Hürde darstellen. 

Und wo wir gerade von fragilen Egos reden: Versuche der gendergerechten Sprache, in diesem Falle die sogenannte „Doppelform“, als Diskriminierung der Männer zu betiteln, wäre in etwa vergleichbar mit Weißen, die sich im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung über „umgekehrten Rassismus“ beschwert haben.

Hier also nochmal zum Mitschreiben. Auch für unseren wundervollen Feminismus-Experten Friedrich Merz, der zunehmend besorgt darüber ist, dass mehr Rechte für Frauen* doch bitte nicht zu einer „Diskriminierung der Männer“ führen dürften:

Frauen* die Rechte zu geben, die Männer schon ewig lange einfach so besitzen, nimmt euch eure Rechte nicht weg.

Und wer die Macht, die ihm das Patriarchat gibt, nicht will und nicht ausnutzt, der braucht vor Feminismus nun wirklich keine Angst zuhaben. Wer den Job, den er hat, aufgrund seiner Leistung und nicht aufgrund seines Geschlechts, braucht keine Angst davor haben, ihn zu verlieren.

Nochmal: Einem zuvor Benachteiligten mehr Rechte zu geben, macht ihn reicher, dich aber nicht ärmer.

Bloß nicht zu weiblich werden

Würde auf einem Pass beispielsweise „Inhaberin“ statt „Inhaber“ stehen, können wir davon ausgehen, dass die Empörung seitens einiger Männer groß wäre. Wieso? Schließlich wären sie dann halt eben „mitgemeint“, so wie das sonst andersrum der Fall ist.
Feminismus? Schön und gut. Sich aber von einer weiblichen Form angesprochen fühlen? No way! Genau das zeigt auf, wie tief alte Rollenbilder in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Gäbe es nichts Schlimmeres, als mit etwas, das Frauen* zugeschrieben wird, in irgendeiner Form in Verbindung gebracht zu werden? Schließlich scheint es bis dato egal zu sein, wie sich das bis heute für uns Frauen mit dem generischen Maskulinum anfühlt.

Am Ende gilt es zu fragen: Was schadet einer Gesellschaft mehr? Die Verwendung von Gendersternchen, -doppelpunkten oder andere Formen, oder ständige Ungerechtigkeit, der die Hälfte der Menschen ausgesetzt ist? Ich für meinen Teil überlege jedenfalls gerne ein wenig länger, um einen „gerechten“ Satz zu lesen, als mich dauerhaft mit verständlich formulierter Ungerechtigkeit beschäftigen zu müssen.

Falls einigen Menschen auf Anhieb immer noch nichts einfällt, das sie ähnlich anstrengend und blöd finden könnten wie gendergerechte Sprache, hätte ich hier eine Idee: Sexismus.

Sexismus ist umständlich. Und überflüssig. Und alles, was er mit sich bringt, auch.

Tamponsteuer – umständlich und überflüssig.

Abtreibungsverbote – umständlich und überflüssig.

Victim Blaming - umständlich und überflüssig.

Bevor man sich also darüber aufregt, wie unglaublich anstrengend Feminismus und gendergerechte Sprache doch sind, tut man gut daran, sich einmal kurz zu überlegen, was mögliche Alternativen hierzu sind – nämlich Sexismus und anhaltende Ungerechtigkeit.

(Zuletzt bleibt zu sagen, dass es nicht darum geht, immer alles perfekt zu machen und jeden, der anfangs noch das „-in“ oder „-innen“ am Ende eines Wortes vergisst, sofort des Amtes zu entheben.)

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