September 19, 2021

Warum Selfcare zu stark romantisiert wird – und was es eigentlich bedeutet

Social Media und Co. lassen Selbstfürsorge hübsch, bequem und fotogen aussehen, obwohl sie oft genau das Gegenteil ist

Selfcare, Selflove, Me Time.

Schlagwörter, die uns in der heutigen Zeit überall entgegenspringen. Ob auf Instagram, Pinterest und Co., Gesprächen mit unseren Liebsten, in Netflix-Serien oder Zeitschriften: Der Akt des sich selbst Liebens gilt als Maxime des Erwachsenseins. Ein Akt, der meist ziemlich romantisiert wird. Wir sehen Schaumbäder, Kuscheldecken, Duftkerzen und Pizza, die im Bett gegessen wird, während zum 6. Mal "Friends" auf dem Laptop läuft und die Vorhänge zugezogen sind. Ein schönes Bild, zweifelsfrei. Aber auch ein Bild, das irgendwie nicht ganz vollständig ist. Und vielleicht nicht unbedingt immer zum Ziel führt.

Ich liebe es, Teile meines Alltags zu romantisieren. Morgens mein Bett zu machen, weil es immer heißt, dass die erfolgreichsten Menschen der Welt das auch immer tun. Mir meine "Calm Mornings" Playlist anzumachen, die mich sanft durch den Start in den Tag trägt. Eine kleine Kerze mit ätherischen Ölen neben meinem iMac anzuzünden, sobald ich mich an den Schreibtisch setze. Mich abends in meinen seidenen Pyjama zu hüllen, einen Podcast anzuschmeißen und irgendein Rezept nachzukochen, das mir irgendeine YouTuberin zeigt. Ich mag mein Leben, wenn es sich abspielt, als sei ich eine der Protagonistinnen aus "The Bold Type".

Warum schreibe ich dann diesen Text? Warum, wenn das alles doch so schön ist?

Nun, weil mich irgendwann eine Welle der Ernüchterung erreicht hat, als ich feststellen musste: Probleme, die ich habe, lassen sich nicht in einem Schaumbad auflösen. Nicht mit Palo Santos wegräuchern. Und auch nicht mit einem teuren Peeling wegschrubben. Schade.

Versteht mich nicht falsch. Ich vertrete nach wie vor die Meinung, dass diese kleinen Rituale oft das Highlight an manchmal schier endlos redundanten Home-Office-Tagen sind, die sich seit März 2020 doch irgendwie alle gleich anfühlen. Aber in all dieser Zeit, die uns den Raum gab – oder ihn uns förmlich aufdrückte – inne zu kehren und mal richtig hinzusehen, lernte und lerne ich von Tag zu Tag mehr, was Selbstfürsorge für mich wirklich bedeutet: auch einfach mal die Arschbacken zusammenzukneifen und Dinge zu tacklen, die ätzend sind und an Tagen, an denen "Entspannen" und "einfach mal alles liegen lassen" nur allzu verlockend klingen, Überwindung erfordern. Selbstfürsorge ist eben oft nicht fotogen, auch wenn Social Media uns etwas anderes sagt.

Ein paar Beispiele für eher unromantische, aber notwendige Selbstfürsorge

Papierkram. Gott, wie sehr ich ihn hasse. Dem ungeachtet ging ich meinen Papierberg neulich trotzdem an: Leerte alle Ordner, sortierte Stapel an Unterlagen thematisch, heftete sie neu ein. Verträge, Rechnungen, Garantien, Zeugnisse, Gesundheitsunterlagen, all das, endlich strukturiert und aufgeräumt.

Verträge. Kein Mensch, schätze ich, war in seinem Leben bisher so gut darin wie ich, einst abgeschlossene Verträge (DSL, Handy, Strom, Versicherungen,...) ganz tief in die Archive ihrer Existenz zu vergraben und für die längste Zeit nicht wieder hochzuholen. Dass es nicht klug ist, aus reiner Faulheit und Bequemlichkeit Unsummen an Geld zu bezahlen für uralte Wucherverträge, war mir klar – aber ich ignorierte es mit Bravour. Jetzt nicht mehr. Alles gekündigt, alles neu abgeschlossen. Mehr Geld zum Sparen jeden Monat. Fühlt sich gut an.

Arztbesuche. Das kleine Kind in mir wünscht sich immer noch vor jedem Griff zum Telefonhörer, dass meine Mama wie aus Zauberhand erscheint und das Telefonat für mich übernimmt. Werden wir jemals zu alt, um Telefonieren mit Fremden zu hassen? So lästig es auch sein mag, die einzige und omnipräsente Wahrheit ist, dass Gesundheit (neben Glückseligkeit) unser höchstes Gut ist. Leider können wir sie nicht stets beschützen, aber wir können unser Bestes tun. Dazu gehören regelmäßige Untersuchungen bei Ärzt:innen. Betonung auf regelmäßig. Geht zu eurer Zahnreinigung. Geht zu eurer Krebsvorsorge. Lasst euch auf sexuell übertragbare Krankheiten checken. Macht euren Sehtest. Lasst eure Blutwerte überprüfen. Euer älteres Ich dankt es euch.

Therapie. Wir alle brauchen sie, aber nicht jeder von uns weiß das. Oder will es sich eingestehen. Ich ziehe meinen Hut vor allen, die mutig genug sind, um diese Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Schlaf. Ich kann nicht anders, es muss sein – im Gegenzug verkneife ich mir, euch daran erinnern, genügend Wasser zu trinken, denn in dieser Hinsicht versage ich selbst bereits kläglich. Deal? Also, schlaft ausreichend. Ich erinnere mich an die Worte meiner Mama, als ich klein war und Wehwehchen hatte, seelischer oder körperlicher Art: "Schlaf ist die beste Medizin". Und sie behält recht.

Ordnung. Man muss nicht vom Boden essen können und auch keine Marie Kondo beeindrucken. Doch ich denke, ihr gebt mir Recht, wenn ich euch sage: Eine gewisse Ordnung im Außen hilft bei einer gewissen Ordnung im Innen.

Regelmäßige Inventur. Damit meine ich eine Bestandsaufnahme sämtlicher Aspekte, die im Alltag von Bedeutung sind. Wir hängen oft an der Überzeugung, Entscheidungen, die wir vor Jahren getroffen haben, auch heute noch vertreten zu müssen, weil das sonst ja "heuchlerisch" sei. Das Gegenteil ist der Fall. Alte Freund:innen müssen uns heute nicht mehr unbedingt guttun. Der Job, auf den wir so lange hingearbeitet haben, muss uns heute nicht mehr unbedingt guttun. Die Überzeugungen, an der wir lange Zeit festhielten, müssen uns heute nicht mehr unbedingt guttun. Es ist, wie Nietzsche es einst sagte: "Der denkende Mensch ändert seine Meinung." Macht also regelmäßig eine Bestandsaufnahme dessen, was in eurem Leben stattfindet – und überprüft, ob es euch tatsächlich guttut.

Oft sind es die Taten, die sich im ersten Moment so gar nicht bequem anfühlen, die auf lange Sicht für ein bequemeres Leben sorgen

That being said: Heute ist einer dieser Tage, an denen ich mit Herzrasen und einem erdrückenden Engegefühl in der Brust aufgewacht bin. An denen sich alles irgendwie überfordernd anfühlt. Und während ich mich nun instinktiv am liebsten ins Bett legen und mir eine sinnbefreite Sendung nach der nächsten reinziehen würde, um mich in Ablenkung zu suhlen, bis die Dämmerung einbricht, tue ich das nicht. Weil ich weiß, dass es mir nicht guttut, nicht auf lange Sicht. Deswegen nehme ich nun eine heiße Dusche, mache meine verdammte Meditation und gehe an die frische Luft.

Mein Bett rennt ja nicht weg.

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