Sex & Love
Annika Weßbecher
Chef-Redakteurin
11.6.2021

Nackt gemacht

Irgendwann lässt man in einer Beziehung alle Hüllen fallen. Das ist nicht immer angenehm.

Als ich da schüttelfröstelnd auf dem Rücken lag, die Füße auf den Schultern meines Partners, mein ranziger Jogginganzug schweißgetränkt, meine Haare ein Nest aus Filz und Fett und mein aufgequollener Bauch frisch zusammengeflickt, wusste ich: Jetzt passiert es. Er sieht mich an meinem Tiefpunkt. Und, auch wenn ich das nicht sagen sollte: Ein Teil von mir hat sich dafür geschämt.

Unser damaliges Kennenlernen war, und das ist ja das Schöne an Anfängen, umgeben von diesem unschuldigen Zauber des Unbekannten. Man trifft sich auf die ersten Dates, steckt viele Gedanken und viel Zeit in die Art und Weise, wie man sich der anderen Person präsentiert und will, klar, dass das alles irgendwie bestmöglich aussieht. Selbstverständlich habe ich mir überlegt, was ich von mir Preis gebe, wie ich das tue und wie ich dabei aussehe. Irgendwann, nach langem Beschnuppern, kam der erste Körperkontakt, die Anziehung wuchs und wuchs und wuchs und nach einigen Wochen wusste ich schließlich, dass ich diesen Mann so schnell nicht wieder hergeben wollen würde. Genau wie du wusstest, dass du mich so schnell nicht wieder hergeben wollen würdest.

Die Zeit nach dieser beidseitigen Erkenntnis ist wohl das, was im Volksmund so gerne mit der "rosaroten Brille" betitelt wird. Alles ist schön, alles ist aufregend, alles ist lustig, sexy und spannend. Die Dates sind liebevoll geplant, der Sex eine Offenbarung, alles eben nahezu perfekt. Man ist die beste Version seiner selbst.

Besser gesagt: eine Idealvorstellung seiner selbst, die sich nicht für immer aufrechterhalten lässt.

Denn irgendwann, wenn das Rosa verblasst und die Schichten unter der Oberflächliche zum Vorschein kommen, ist das alles gar nicht mehr so makellos. Nichts Ungewöhnliches. So ist das eben, wenn man sich dafür entscheidet, eine Beziehung miteinander einzugehen.

Ich sagte es ja eben: Unser Kennenlernen war umgeben vom unschuldigen Zauber des Unbekannten. Sechs Monate später bin ich für meinen Partner alles andere als unbekannt. Er kennt mich und meinen Körper jetzt aus jedem Winkel, in jedem Licht, in jeder Pose. Lernt zunehmend über die Umstände, die mich zu mir machen, erfährt über die Probleme, mit denen ich mich herumschlage und von den Verletzungen, die ich bis hierhin erlitten habe. Auch das ist schön. Vielleicht sogar noch schöner als das anfängliche Kratzen an der Oberfläche – denn auch, oder gerade wegen dieser Neuerfahrungen weiß man nun noch mehr, dass man den anderen so schnell nicht wieder hergeben wollen würde.

Sich zu lernen – ich sage bewusst lernen – ist das, was die gemeinsame Reise so unantastbar aufregend macht. Und doch kommt irgendwann der unvermeidbare Punkt, an dem man sich vollkommen und gänzlich nackt macht. Nackt machen muss.

In meinem Fall traf mich diese Erkenntnis wuchtig bei der eingangs beschriebenen Szene: Als ich da schüttelfröstelnd auf dem Rücken lag, die Füße auf den Schultern meines Partners, mein ranziger Jogginganzug schweißgetränkt, meine Haare ein Nest aus Filz und Fett und mein aufgequollener Bauch frisch zusammengeflickt. Mein Kreislauf war nach einer ambulanten OP im Bauchraum zusammengesackt und ich hechelte oder stöhnte, vielleicht auch beides, um wieder zu mir zu kommen. In diesem Moment fühlte ich mich meinem Partner gegenüber so unattraktiv wie nie zuvor. Nackt, verletzlich und – ja, ich weiß, es klingt beschissen – so, so unsexy. Fast lachen musste ich beim Gedanken, wie wenig, also wie extrem wenig ich in diesem Moment gemeinsam hatte mit dem Bild, das andere (auch er, als er mich kennenlernte) von mir haben müssen. Nicht nur sah ich aus wie ein Haufen Elend, ich fühlte mich auch wie einer. Ein kleines Zerbrechliches Etwas, dessen seelischer Zustand (eine schlechte Diagnose, viel aufgestauter Stress und das ein oder andere Trauma aus der Vergangenheit) sich in diesem Moment in seinem äußeren Erscheinungsbild manifestierte.

Auch, wenn meine Ratio weiß – und auch in jenem Moment wusste – dass es gar nicht anders ging und dass diese Situation eben dazugehört, wenn man gerade aufgeschnitten und wieder zugeflickt wurde, und dass eine gesunde Beziehung um Gottes Willen doch nicht daran zerbricht, dass man in den Augen des anderen einfach auch mal sehr, sehr unvorteilhaft wahrgenommen wird... Auch, wenn das alles der Fall ist, so muss ich gestehen:

Ich fühlte Scham.

"Wie abstoßend findest du mich gerade?", presste ich hervor. "So sehr, dass ich direkt morgen mit dir Schluss mache", entgegnete mein Freund bierernst. Ich wusste, der erste Teil des Satzes stimmte. Der letzte nicht, im Gegenteil, vermutlich war er fast ein wenig wütend, dass ich mit meiner Frage irgendetwas in der Richtung suggerierte. Kann ich meinem Freund verübeln, dass er mich körperlich tatsächlich einen Moment lang als abstoßend empfand? Nein. Das kann ich nicht. Es wäre unfair. Niemand von uns fühlt sich durchgängig und jederzeit von seinem:r Partner:in angezogen. Einfach unmöglich. Wer etwas anderes behauptet, dem glaube ich nicht.

Aber wo will ich jetzt hin mit diesen Zeilen?
Was ist meine Botschaft?

Die Botschaft ist eigentlich ganz simpel: Es ist okay. Das alles ist okay. Es ist okay, dass man mal ganz unten ist und es ist okay, dass sich das unbequem anfühlt. Es ist okay, sich und dem/der Partner:in einzugestehen, dass Beziehungen nicht immer schön sind, nicht immer sprudelnd vor Lust, nicht immer sexy. Es ist auch okay, Scham zu empfinden, wenn man gerade vor den Augen einer anderen Person einen Tiefpunkt erreicht. So lange man sich dann wieder korrigiert: Denn ja, das Schamempfinden ist menschlich und evolutionär in uns verankert. Genau wie die leise in uns schlummernde Urangst, für etwas Besseres verlassen zu werden, ganz egal, wie emanzipiert man auch ist. Aber sich nackt zu machen, auch das ist menschlich. So menschlich wie's nur geht.

Ich sage das vielleicht vor allem als Memo an mich selbst. Anni, einfach mal locker lassen, einfach mal geschehen lassen, einfach auch mal schwach sein. Irgendwann wird sich das Blatt vielleicht wenden und es ist dein Partner, dessen Narben du küssen musst. Willst. Wirst. Und dann? Dann wirst du doch nicht abhauen. Ganz im Gegenteil. Er wird dir doch nur noch wichtiger sein.

So ist das in erwachsenen Beziehungen – in gesunden Beziehungen: Man fängt sich auf.

Egal in welchem Zustand.

Auch nackt gemacht.

Das könnte dich auch interessieren

1.6.2021

Cum and Cry

Warum du manchmal nach dem Sex in ein unergründliches Loch von Traurigkeit und Melancholie fällst
COMING SOON

Cum and Cry

Warum du manchmal nach dem Sex in ein unergründliches Loch von Traurigkeit und Melancholie fällst
1.6.2021

5 Dinge, die ich aus meinen Beziehungen gelernt habe

Nicht immer freiwillig – aber zu meinem Besten
COMING SOON

5 Dinge, die ich aus meinen Beziehungen gelernt habe

Nicht immer freiwillig – aber zu meinem Besten
1.5.2021

Lustkiller Lockdown

Hat Corona unser Sexleben gefickt?
COMING SOON

Lustkiller Lockdown

Hat Corona unser Sexleben gefickt?
9
min
NEWS IN
 A LETTER  
Signed up! Schön, dass du dabei bist. Welcome to the family.
Ops! Da ist etwas schief gelaufen... bitte probier´s nochmal
NEWS IN
LETTER  
Thank you! Your submission has been received!
Oops! Something went wrong while submitting the form.