Body & Mind
Alicia Martens
November 17, 2021

Selbstdiagnose: Zwischen Krätze und Leistenbruch

Meine Freundin ist Hypochonder – und wechselt ihre Ärzt:innen so häufig wie andere ihre Unterhosen

Noch etwas müde geht Lisa* durch ihr Zimmer und setzt sich auf den Rahmen ihres weißen Holzbettes. Sanft legt sie die Hände auf ihre Oberschenkel und schließt die Augen. Mit tiefen Atemzügen spürt sie in ihren Körper hinein und lokalisiert, auf welcher Ebene sie an diesem Morgen etwas Besonderes empfindet. Ein und aus. Ein und aus. Ein und aus.

Zu dieser Tageszeit, direkt nach dem Aufstehen, kann sie am besten Dinge wie ein Ziehen, Kribbeln oder Zwicken an einer oder mehreren Körperstellen feststellen. Diese Art der Selbstanalyse führt sie jeden Morgen durch. Sie bereitet sich, ihren Kopf und ihren Körper auf den bevorstehenden Tag vor.

Da – ein Stechen unterhalb der linken Rippe! Ihr Herz rast, ihre Gedanken laufen auf Hochtouren.

Was wird wohl heute das Problem sein?

Mehrmals am Tag wird die 22-Jährige für ihr hochsensibles Körpergefühl von ihrem Umfeld belächelt. Was nur wenige wissen, ist, dass sich dahinter – manche würden es Hysterie nennen – ein ernsthaftes Problem verbirgt. Meine Freundin ist Hypochonder. Nicht die Art, als die man andere salopp aus Späßen heraus betitelt, sondern eine "echte". Sie leidet unter der ständigen Angst vor Erkrankungen und dem übertriebenen Drang, ihren eigenen Gesundheitszustand beobachten und kontrollieren zu müssen. Oft kann sie Gesprächen im Alltag nicht folgen, weil sie jedes ungewohnte Gefühl beunruhigt und Panik ihr System flutet. Als würde schon die kleinste Auffälligkeit den sicheren Tod bedeuten.

An die klassische Krebserkrankung hat sie zwar noch nie gedacht, dafür war sie sich in der Vergangenheit aber bereits sicher, eine HIV-Infektion zu haben. Hatte sie nicht.

Ihre Ärzt:innen wechselt sie wie andere ihre Unterwäsche. Sprechstunden mit jenen enden häufig in Auseinandersetzungen. Bei ihrem letzten Hautarzttermin erklärte Lisa ihrer Ärztin, dass ihr Hautausschlag auf den Armen und am Rücken ein Anzeichen für Krätze sei. Als diese ihr aber mehrmals bestätigte, dass sie lediglich unter trockener Haut leide, kratze sie sich mit den Fingernägeln ihre Haut auf, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Sie flehte ihre Ärztin an, ihr ein Antibiotikum zu verschreiben, doch die weigerte sich. Es folgten zwei weitere Termine bei der Dermatologin, bis meine Freundin beschloss, sich nach einer neuen Praxis umzusehen, die ihr bei ihrer Krätze helfen würde. Dieser Vorfall ist jetzt ca. ein Jahr her, die offizielle Diagnose blieb gleich – Lisas Angst auch.

Ein anderes Mal berichtete sie ihrem Hausarzt von einem wiederkehrenden Druckgefühl in ihrer unteren Bauchdecke. Zur Verdeutlichung drückte sie auf die betroffene Stelle – bis sich dort ein kleiner Bluterguss bildete. Der Arzt machte einen Ultraschall und verdächtigte den Blinddarm: "Im Falle einer Entzündung dürften wir keine Zeit verlieren, müssten schnellstmöglich eine Operation einleiten." Panik. Plötzlich sogar die Angst, falsch zu sitzen oder liegen. Im Krankenhaus Entwarnung: Nichts deutete auf eine Blinddarmentzündung hin. Stattdessen vermuteten die Ärzte einen Leistenbruch und erwähnten erneut die Möglichkeit einer OP. Dass die beiden in den Raum geworfenen Diagnosen so unterschiedlich ausfielen, regte Lisa zum Nachdenken an. Sie vertagte den Eingriff und beschloss, sich eine Drittmeinung einzuholen. Ein Internist erschien ihr als die richtige Adresse. Der Arzt für innere Medizin schlug ihr eine Magenspiegelung vor, doch für Lisa war’s das. Sie lehnte alles ab – zu groß war die Furcht, man könnte sie nicht heilen. Was, wenn sie etwas übersehen hatten? Was, wenn sie selbst ihre Symptome nicht deutlich genug geschildert hatte? Auf wen sollte sie vertrauen, wenn nicht auf sich selbst?

Die kurzfristige (Er)Lösung

Der letzte Strohhalm: die Alternativmedizin. Lisa vereinbarte einen Termin mit einem Osteopathen. Sie legte ihre ganze Hoffnung in seine sanften Berührungen. Die Art und Weise, wie behutsam er ihren Körper abtastete, zeigte er ihr auf, wie schön und wertvoll diese intensive Wahrnehmung für ihren Geist sein kann. Er vermittelte ihr ein Gefühl von Geborgenheit.

Schließlich erreichte er den Punkt, den Lisa schon mal zum Bluterguss werden ließ. Der Therapeut erklärte ihr, dass ein eingeklemmter Muskel der Grund für ihr Unwohlsein sei und er ihn ganz einfach lösen könnte. Und dann waren sie plötzlich weg: die Furcht. Die Belastung. Das Leid. Erleichterung erfüllte sie. Ein Glücksmoment, wenn auch nur von kurzer Dauer.

Hypochondrie hat ihre Ursachen

Schon mit gerade mal vier Jahren machte Lisa es sich zur Aufgabe, stetig zu prüfen, ob es ihrer Familie und ihr gut geht. Es war kurz nach dem Tod ihres Vaters, der einer Krebserkrankung erlag. Als Kind konnte sie mit der genauen Bedeutung dieser Krankheit natürlich nichts anfangen, geschweige denn, das Ableben ihres Papas wirklich verarbeiten. Doch sie spürte, dass ihre Mutter sehr mit der Situation zu kämpfen hatte – plötzlich Alleinerziehende zweier Kinder, und das gerade mal mit Anfang 20. Es waren also nur noch die kleine Lisa, ihr Bruder und ihre Mutter übrig – keine Frage, dass es diese Menschen fortan um alles in der Welt zu beschützen galt. Perfekte Voraussetzungen für eine Hypochondrie, die oft durch traumatische Verluste verursacht wird.

Für die Zukunft wünscht sich Lisa, dass andere verstehen, was eine Hypochondrie auslösen kann. Wie sehr sie das Selbstwertgefühl sukzessive auflöst. Aber vor allem, wie sehr es am Leben hindert.

Und ich wünsche mir das auch für sie: Dass wir genauer zuhören, Betroffenen ein offenes Ohr schenken und mit dem Begriff "Hypochonder" Begriff nicht unbedacht um uns werfen. Denn manche sind das wirklich. Und sie leiden darunter sehr.

*Name geändert

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