Sex & Love
Kim Hansert
July 27, 2021

Einvernehmlicher Sex und Konsens – eine Ode

Mein innerer Monolog zu einer Diskussion, bei der es eigentlich nichts zu diskutieren gibt

Dass Sex beiderseits (dreierseits, viererseits, …) einvernehmlich stattfinden sollte – und auch nur dann – ist eine Standard-Indoktrination, die bei jedem Teenie sofortiges Augenrollen hervorruft, welcher gerade "dieses eine" Gespräch ertragen muss. Weil: „Ja, ja schon klar – hab‘s kapiert“.
Doch riskiert man einen Blick in die wilde, weite Welt, darf man gerne auch schockiert feststellen, dass es irgendwie doch noch nicht überall angekommen zu sein scheint. Aufgrund aktueller Ereignisse fanden meine Fingerspitzen wie in einem wabernden Fiebertraum wütend tippend die Tasten. Das Ergebnis manifestiert sich in einer neuen Episode der „Dinge, die die Welt immer noch nicht zu verstehen scheint“. Ich präsentiere leicht verärgert und so gar nicht stolz: „Asking for consent“.

Hm, was? Nicht schon wieder?

Das Thema ist dir unangenehm?

Du bist genervt, weil du nicht weißt, wie man es überhaupt noch jemanden recht machen soll?

Seltsam, denn: Einvernehmlicher Sex ist kein politisch-prekäres Minenfeld, welches nur nach einem schweißtreibenden Marsch durch weibliche Willkür und feministische Opferkultur zu erreichen ist. Es ist der Status Quo, welcher schlicht und ergreifend in jeden Haushalt sexuellen Vergnügens gehört. Ohnehin hat es so überhaupt gar nichts mit Feminismus zu tun. Es stellt eher ein universell geltendes Konzept dar, welches alle Geschlechter gleichermaßen mit einbezieht. Jedenfalls sollte das so sein.

Was bedeutet es eigentlich, sich die Zustimmung des Partners/der Partnerin zu abzuholen?

Reicht es, wenn die Körpersprache (scheinbar) eindeutige Signale sendet? Muss man auch in einer Beziehung abklären, ob gewisse Dinge in Ordnung sind, oder wird der/die andere einem schon sagen, wenn dem nicht so ist?

Eigentlich ist das Thema „asking for consent“ nichts, was überhaupt einer großartigen Diskussion bedarf. Wirklich nicht. Man stelle sich einfach mal vor: Zwei Menschen gehen zusammen aus, die Chemie stimmt, man möchte die vertikale Interaktion in die Horizontale verlagern. Man fragt, ob das so klar geht, und… fertig. Leinen los. Sattelt die Pferde. Es ist so trivial, dass die meisten es wahrscheinlich gerade sogar überlesen haben. Daher der Denkanstoß: Ihr habt doch den ganzen Abend schon geredet? Was hält euch davon ab, eine einzige Frage mehr zu stellen?

Dennoch ist der Akt des Einholens von Einverständnis in jeglichem sexuellen Kontext ein glühend heiß diskutiertes Thema – vorzugsweise in den sozialen Medien. Menschen debattieren vor und zurück, wer denn nun die Frage zu stellen hätte und ob es überhaupt notwendig sei, zu fragen, wenn er/sie offensichtlich auf Dasselbe aus sei.
(Was genau lässt dich eigentlich denken, dass dein Gegenüber offensichtlich auf Dasselbe aus ist? Hast du gefragt? Achso, nein, deswegen sind wir ja gerade hier...)

Menschen sind beeindruckend flink darin, ihre Meinung zu ändern und sogar noch schneller darin, sich dafür zu schämen

In den meisten von uns brodelt das tiefe Bedürfnis, anderen Menschen zu gefallen – eine regelrechte Sehnsucht danach, gemocht zu werden. Wenn man also wild fummelnd die Treppe hinaufstolpert, sich knutschend in jede halb-gerade Oberfläche drückt, um dann dem eigentlichen Event näher zu rücken, kann es durchaus passieren, dass die Dinge irgendwie ein bisschen zu real werden. Für die plötzlichen Zweifel kann es hierbei eine Milliarde verschiedener Gründe geben. Und genau dann macht uns unser Gewissen oft einen Strich durch die Rechnung: „Ok shit, was will ich eigentlich? Ich kann jetzt nicht einfach gehen, oder?“. Wenige gehen hier den Schritt, um genau diese Gedankenschleifen früh genug zu vokalisieren. Wie kann man eine solche Situation nun bestmöglich handhaben? Richtig – nach dem Einverständnis fragen, bevor man in die Vollen geht. Auch, wenn wir uns selbst der Sache absolut sicher sind. Eben gerade dann. Denn es besteht die Chance, dass es sich beim Gegenstück nicht so glasklar gestaltet.

Wohlgemerkt: Es spielt hier absolut keine Rolle, wer wen fragt – es ist keine Pflicht, die einer bestimmten Partei obliegt.

Wichtig ist nur eines: Irgendjemand muss fragen.

Ein drastischer – aber eindringlicher – Vergleich

Ein Freund von mir war in einer Diskussion neulich der Meinung, dass es absolute Rosinenpickerei von Frauen wäre, allgemein zu erwarten, dass der Mann diesbezüglich alles abzuklären hat. Es könnten ja genauso gut die Frauen ihr Einverständnis geben, wenn sie schon so gleichberechtigt und emanzipiert sein wollen. Man wisse ja schließlich, worauf die meisten Kerle aus seien, warum sollten sie dann auch noch fragen?

So einsichtig wie ich bin, bin ich ihm erst einmal entgegengekommen. Ich stehe nämlich voll und ganz hinter der Überzeugung, dass Frau (oder jeder andere Mensch auf der Welt) die eigene Meinung kundtun kann und auch sollte.  Aber – und hier waren wir dann auch schon am Ende meiner Geduld angelangt – wenn sie dies nicht tun, ist das kein Freifahrtschein für den Vergnügungspark.

Während also die Flammen des Zorns bereits gefährlich nahe an meiner Zurechnungsfähigkeit leckten, entschloss ich mich zu einer eindeutigen Erklärung:

Wenn du dich wissentlich in Reichweite eines Metzgers aufhältst, er dich packt und versucht, dir die Kehle durchzuschneiden, ist das versuchter Mord. Der/die Richter:in wird mit Sicherheit nicht mit den Achseln zucken und sagen: „Aufgrund seines Berufs hätte man ja schon irgendwie erwarten können, dass er versuchen wird, dich zu filetieren. Das ist halt das, was er so macht.“

Ein überspitztes Beispiel – das weiß ich. Trotzdem das gleiche Endergebnis. Nur weil ich weiß, dass jemand zu etwas fähig ist, heißt das nicht, dass ich ihm ungehindert Erlaubnis erteile, mir diese Fähigkeiten auch unter Beweis zu stellen. Und das auch dann nicht, wenn ich zugestimmt habe, mir seine Messersammlung anzusehen.

Grundbedürfnis ≠ Grundrecht

Entgegen einiger landläufiger Meinungen ist Sex kein Persönlichkeitsrecht.

Jemals von Maslows Bedürfnispyramide gehört? Ja – Sex ist ein Grundbedürfnis, aber nochmal: kein Grundrecht. Gleich danach findet sich auf der nächsten Ebene der Sicherheitsbedürfnisse das Bedürfnis körperlicher Unversehrtheit. Also bitte – don’t fuck with one person's need for security – im wahrsten Sinne des Wortes. Es kann mir niemand guten Gewissens erzählen, dass er lieber das Risiko eingeht, einen anderen Menschen ernsthaft zu verletzen (sei es physisch oder psychisch), weil er sich nicht überwinden wollte, zu fragen, ob alles in Ordnung sei.  

Männer sind Jäger, ja, ja. Und man möchte sich dieses Abzeichen ja auch erhalten. Wenn eure „Beute“ der Nacht aber noch lebendig ist und atmet (was ich eindringlich hoffe), dann schließt das jedoch wie bereits angesprochen unvermeidbar die Möglichkeit ein, dass sich die Meinung zum intendierten Verlauf der Nacht zu euren Ungunsten wenden kann. Wenn es also bei einem freundlichen Kuss an der Türschwelle bleiben soll, dann müsst ihr, so hart es klingt, den dumpfen Schmerz der Zurückweisung ertragen und die Person von dannen ziehen lassen. Ganz die selbstbeherrschten Wesen, die ihr seid.

Das Ganze ist übrigens eine vielbefahrene Autobahn und keine Einbahnstraße! Es geht auf unzähligen Spuren in jegliche Richtungen. Kurzum: Die Wichtigkeit von Einverständnis gilt in allen erdenklichen Situationen, für alle erdenklichen Personen(konstellationen), an allen erdenklichen Orten.

„Ich hab‘ keinen Bock zu fragen, weil das die Stimmung killen könnte..."

Ich möchte dir ein Geheimnis verraten. Komm ein bisschen näher... noch ein bisschen.. perfekt: Sollte die Person plötzlich nicht mehr mit euch ins Bett steigen wollen, war sie von Anfang an nicht wirklich überzeugt.

Denn das einzige, was du getan hast, war, einen (wohlverdienten) Ausweg anzubieten. Mehr nicht. Nicht ein einziges Mal in meinem Leben habe ich davon gehört, dass jemand auf das Angebot von bewusstseinserweiterndem Sex mit den Worten „Da du jetzt gefragt hast, hab ich keine Lust mehr“ geantwortet hat.

Verrückte Idee, aber, das Fragen nach Einverständnis muss kein Lustkiller sein. Man muss nicht die kaltweißen Flutlichter anknipsen, den Laptop rauskramen, Word öffnen und ein 12-seitiges Manuskript mit Fußzeile erfassen, auf dem mit 3 Signaturen alles dingfest gemacht wird. Stattdessen geschickt verpackt in etwas dirty talk, entgeht man der (unrealistischen) Gefahr, ein Eigentor zu schießen. Dabei die richtige Tonlage zu treffen, ohne einen schlechten Low-Budget-Porno zu imitieren, bedarf gegebenenfalls etwas Übung, aber ein einfaches "Alles okay? Sag mir was, ich mit dir anstellen soll" mit heißem Atem ins Ohr geflüstert, sollte den Zweck erfüllen. Hierfür gibt's sogar noch Extrapunkte für Gryffindor, da du nicht nur nach dem Einverständnis gefragt hast, sondern gleichzeitig ergründest, was genau sich die andere Person vorstellt. 

Das Konzept von Einverständnis gilt nicht nur für gelegentliche One-Night-Stands

Auch in gefestigten Beziehungen sollte es kein Fremdwort sein! Sei also bitte nicht die Person, die ungefragt eine dritte Person mit den Worten „Ich dachte, wir probieren mal was Neues“ nach Hause bringt. Alles, was etwas weiter von dem entfernt ist, was ihr sonst so im Schlafzimmer fabriziert, sollte vorher zumindest einmal angesprochen werden. Aus Respekt, aus Fairness, aus Prinzip.

Im Endeffekt kann die Quintessenz der von mir intendierten Botschaft einfach und simpel auf einen absolut rudimentären Punkt reduziert werden: Es macht erst so richtig Bock, wenn alle Beteiligten Spaß dabei haben.

Abschließend und aufgrund derzeit diskutierter Ereignisse:

Nur, weil man die Bekanntschaft mit einer Person mit schlechtem Ruf macht, ist letztere nicht dazu freigestellt, einem in irgendeiner Weise Schaden zuzufügen. War es die klügste Entscheidung, sich auf diese Person einzulassen? Vielleicht nicht. Ist man deshalb selbst am Verlauf der Ereignisse schuld? Nein, das ist man verdammt noch mal nicht und wird es auch nie sein.

Nur weil die Chance besteht, dass etwas passiert, macht es die ganze Sache nicht weniger illegal oder falsch. Die Handlung steht immer noch für sich.

Es klingt für mich so verdammt paradox, jemandem die Schuld an Verletzungen zuschieben zu wollen, welche nicht mit den eigenen Händen am eigenen Körper entstanden sind. Eine Person, die eine andere zum Sex bringt, weil man hätte antizipieren können, worauf der Abend hinausläuft, hat es schlicht und ergreifend ohne Zustimmung getan. Und das letzte Mal, als ich das Gesetz geprüft habe, war das deutlich unter dem Begriff „Vergewaltigung“ zu finden. Nebenher habe ich dann auch noch gründlich gecheckt, dass es in keinem Staat, keinem Land, keinem Kornkreis und in keiner hypothetischen Galaxie illegal ist, einfach nur mit jemandem Zeit verbringen zu wollen und man im Laufe dessen vermeintlich sexuelle Erwartungen des Gegenübers NICHT erfüllt. Nichts auf der Welt verpflichtet einen dazu, physischen oder psychischen Missbrauch einfach so hinnehmen zu müssen.

Ende dieser Diskussion.

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