Body & Mind
Jule Scott
July 3, 2021

Zu gesund für die Klinik, zu krank fürs Leben

"Ich bin mir in dem Moment sicher: Hier endet mein Leben."

Hier stehe ich nun also, zwei Tage vor meinem 24. Geburtstag an einem außerordentlich warmen Augusttag, vor einem Gebäude, dessen Fassade allein schon Depressionen auslösen kann. Ich stehe vor der Psychiatrie in meiner Heimat, in die ich aufgrund der Corona-Pandemie zurückgekommen bin. Für einen kurzen Moment habe ich Hoffnung. Nicht auf Heilung. Nein, meine Hoffnung ist, dass Mama das macht, was sie schon so oft gemacht hat, wenn ich weinend in einem Auto saß und ihr gesagt habe, dass ich nicht in die Schule, nicht ins Ferienlager oder nicht zu einer Party kann: Rückwärtsgang einlegen und ab nach Hause auf das Sofa, auf dem ich mehr Tage verbracht habe als auf der Schulbank – das Sofa, das ich ihr versprach eines Tages zu ersetzen. Schadensersatz sozusagen. Im Auto, vor Mama und mit Mama weine ich bitterlich. Ich bin mir in dem Moment sicher: Hier endet mein Leben. 

Nach der Einweisung in der Psychiatrie bist du nun mal ein „Psycho“, daran ist nichts zu ändern, auch nicht, wenn du die Entscheidung ganz allein getroffen hast. Rational denkend weiß ich, dass ich keinen Grund habe, mich zu schämen. Hätte ich eine Blinddarmentzündung, wäre dieser Schritt, der Schritt ins Krankenhaus, das normalste der Welt. Aber das Stigma um psychische Krankheiten aller Art ist nun mal vorhanden und selbst als Betroffene kann ich nicht darüber hinwegsehen, auch heute noch nicht. Zumindest fällt es mir schwer. Nicht bei anderen Menschen, aber bei mir selbst. Zwiegespalten von einem Gefühl von Stärke und überwältigender Schwäche. Über meine Depressionen an sich habe ich gelernt zu reden, mit mehr oder wenig viel Verständnis von Menschen in meinem Umfeld. Einen Psychiatrieaufenthalt allerdings, den will, oder wollte ich jetzt wirklich keinem zumuten. Viele Menschen wissen immer noch nicht, dass es diesen Klinikaufenthalt überhaupt gab, insbesondere wegen des mangelnden Erfolgs, denn nach einer Blinddarm-OP wäre das Problem wenigstens gelöst. Das gleiche kann man von einem, oder zumindestens von meinem, Psychiatrieaufenthalt nicht behaupten. Eventuell kann ein Teil der Wunde hier mit einem Pflaster verdeckt werden, doch echte Heilung braucht leider deutlich mehr. Es fällt mir schwer zu erklären, wie ich überhaupt an den Punkt gekommen bin, dass ich in eine Klinik wollte. Während ich offen über alle Seiten dieser Krankheit rede, ist es so gut wie unmöglich, den Auslöser oder die Ereignisse zu definieren, die mich an diesen Punkt gebracht haben. Laut meines Arztbriefes habe ich in der Klinik angegeben, dass ich meine Probleme seit Jahren mit Arbeit und Erfolg kompensiere. Corona war nur leider kein Moment, der meine Bewältigungsmechanismen unterstützt hat, und plötzlich sind mir alle Krücken und Stützen weggebrochen – und damit ist dann auch der sprichwörtliche Damm gebrochen. Ich weiß, dass ich auch ohne Corona irgendwann zeitnah Hilfe gebraucht hätte. Ich weiß aber auch, dass ich mir niemals die Zeit genommen hätte.

Aber zurück zum eigentlichen Anfang dieser Geschichte, oder dem Ende, je nach Blickwinkel. Kaum habe ich die Komfortzone des Autos verlassen, sind die Tränen, die wenige Minuten vorher noch wie ein Wasserfall unaufhaltsam über mein Gesicht geflossen sind, verschwunden. Noch bevor ich mich bei der Rezeption melde, ist mein erster Gang der zur Besuchertoilette, noch war ich ja nur Besucher und nicht Patient. Auch hier, in einer Klinik, zählt der erste Eindruck. Es gibt keinen Grund wie eine Verrückte auszusehen, nur weil ich mich so fühle. Es gibt, zumindest nach meiner Logik, keinen Grund depressiv auszusehen, es zu sein reicht schon völlig. Das wird auch deutlich in den Wochen, bevor ein Bett in der Klink für mich frei wird, denn ja, diese Betten sind heiß begehrt und nicht gerade einfach zu bekommen. Somit hatte ich genug Zeit meine „Klinik Garderobe“ akribisch zusammenzustellen. Auf keinen Fall will ich meine eigenen Sachen an diesem Ort anziehen, das war mir sofort klar. Die Angst, dass mein liebstes Sommerkleid im nächsten Sommer die Erinnerungen und Emotionen der Klinik an sich haften haben könnte, war vielleicht sogar noch größer als die vor eventuellen seelischen Narben, die sieht ja wenigstens keiner. Der Versuch, einen neuen Kleiderschrank (und damit vielleicht auch eine neue Persönlichkeit) für die Klinik zu kreieren, war letzten Endes völlig umsonst.  Die Erinnerungen und Emotionen hängen zwar keinesfalls an meinem Lieblingskleid, aber dafür an mir selbst. Nichtsdestotrotz erinnere ich mich an das Kleid, das ich anhatte als ich die Klinik zum ersten Mal betreten habe. Das heißt, betreten habe mit dem Wissen, ich verlasse sie 20 Minuten später nicht wieder. Es war ein Kleid, das ironischerweise heute eines meiner liebsten ist. Ich trage es gerade, während ich diese Worte niederschreibe.

Mit Bravour, wenn auch mit zwei Unwahrheiten, die ich später revidieren werde, überstehe ich mein Aufnahmegespräch mit dem leitenden Pfleger. Die Angst, wie dieser mir völlig unbekannte Mensch, dessen Job es ist mir zuzuhören, wohl über mich denkt, plagt mich zu diesem Zeitpunkt mehr als der Gedanke, dass alles, was ich gerade gesagt habe, wahr ist. Der Ernst meines Zustandes und dass ich tatsächlich krank bin, ist für mich im Vergleich schon fast nebensächlich. “Ich gehöre hier nicht hin, ich bin nicht verrückt.” Das sind die ersten Worte, die ich in mein Notizbuch schreibe, mein Rücken gegen das Kopfende des Bettes gelehnt, dass für die nächsten paar Wochen meine Träume hüten wird. Niemand soll denken ich bin verrückt, denn das bin ich nicht, oder? Nach nur ca. 20 Minuten auf der Station J der Psychiatrie jedoch ist es bereits einfach, nicht mehr zu weinen – selbst lächeln ist einfach. Denn mir ist schnell klar wie das hier am einfachsten wird zu überwinden: Ich will gemocht werden! Gemocht werden, oder noch besser, die Lieblingspatientin werden! Rückblickend macht mir mein eigener Drang zum Schauspielern in diesem Moment Angst, in dem Moment allerdings war ich mir des Ganzen nicht einmal bewusst. 

Depressionen haben viele Gesichter und ich bin keine Expertin. Ich kenne lediglich das Gesicht, das mich ich jetzt bereits seit 12 Jahren begleitet – das Funktionieren. Einfach gesagt, je schlechter es mir geht, umso produktiver werde ich. Ich weiß, das klingt auf den ersten Blick durchaus positiv. Mit 24 habe ich einen Bachelor und Masterabschluss in der Tasche, plus mehrere Jahre Berufserfahrung, alles Dinge, die in einem Lebenslauf vielleicht großartig aussehen, aber in einer Klinik wenig Bedeutung finden – sollte man denken. Denn hier spielt es doch eigentlich keine Rolle, ob man 89 Jahre alt ist und den Tod seines Mannes nicht verkraftet hat, ein 45-jähriger Kraftfahrzeugführer mit Phantomschmerzen ist oder eine 24-Jährige, die in der Modebranche arbeitet und mit Depressionen kämpf. Die Therapie sieht für jeden gleich aus: Ergotherapie, Kunsttherapie, Sporttherapie (die hat wenigstens mein Trauma der Gruppenbildung im Schulsport geheilt). Zusätzlich gibt es 1,5 Stunden die Woche das, was ich als wirklich Therapie ansehe, also Gespräche mit einem Therapeuten. Viele verschiedene Menschen also, die, selbst wenn sie alle Depressionen hätten, unterschiedliche Verläufe, Probleme und Auslöser haben – da sollte man doch denken, dass auch Therapien so individuell wie die Patienten selbst sind, oder? Wie kann es sein, dass man hier nach einem einfachen Schema arbeitet? Einem Schema und vielen verschiedenen, in meinem persönlichen Fall ständig wechselnden, Tabletten. Viele wechselnde Tabletten trotz meiner anfänglichen Bitte mit so wenig Medikamenten wie möglich und nur mit so viel wie nötig zu behandeln. Gegen Ende werde ich nicht mal mehr Fragen, was in dem kleinen Becher ist, den ich mir viermal täglich bei den Pflegern und Pflegerinnen abhole. Lieber versuche ich, diese in einem kurzen Gespräch zum Lachen oder wenigstens zum Lächeln zu bringen, während sie meinen Blutdruck messen und kontrollieren, ob die Tabletten auch wirklich geschluckt sind. 

Es ist nur fair zu betonen, dass ich zu große Erwartungen an die Klinik hatte, was bestimmt nicht geholfen hat. Dennoch finde ich, auch rückblickend, 4-8 Stunden Freizeit am Tag viel. Ja, es gibt viele Patient:innen, die diese langen ausgiebigen Pausen brauchten, um sich zu erholen, aber ich wollte doch gesund werden und dafür wollte ich arbeiten. Ich habe es mir also schnell in meinem Klinikalltag zur Aufgabe gemacht, so beschäftigt wie möglich zu sein: den Pfleger:innen helfen, die Visite vorzubereiten, einen täglichen Besuch bei der Tankstelle oberhalb der Klinik, um dem grausamen Geschmack des entkoffeinierten Klinik-Kaffees (und meinem Koffeinentzug) zu entgehen, Spaziergänge mit meinen Eltern, die mir meinen 6 Monate alten Welpen täglich bringen mussten (die mit Abstand beste Therapie) und natürlich auch das vorgegebene Klinikprogramm, wenn dann mal eine Therapie stattfand. Nur herumsitzen ist nichts für mich; dadurch, das weiß ich, geht es mir nur noch schlechter. Und so verbringe ich dann 10 Wochen in der Klinik, unter ständig wechselnden Ärzt:innen, denn es ist ja schließlich Ferienzeit, und auch, oder sogar vor allem, der Herr Professor möchte den Sommer ja genießen. In diesen 10 Woche habe ich gelernt, Körbe zu flechten, die den Instagram-Favoriten Loewe Basket Bags Konkurrenz machen könnten, habe unzählige Pillen in der Hoffnung geschluckt, dass eine mehr Wirkung als die nächste hat, habe Bilder gemalt und versucht Bedeutung in dem zu finden, was da auf dem Blatt zu sehen war – und plötzlich, ohne Vorwarnung, Absprache oder Nachfrage, ist mir an einem Dienstagvormittag ein Arztbrief in die Hand gedrückt worden.

In dem Arztbrief steht, was ich mir von meinem Aufenthalt in der Klinik so sehr gewünscht habe: Ich war nun ein zertifiziert glücklicher Mensch und mein Aufenthalt war erfolgreich. Außerdem bin ich auch 27 Jahre alt, nicht 24, und lebe aktuell in der wunderschönen Stadt „Lorenz“ in der Toskana. Zusätzlich könnte ich jetzt auch spekulieren, dass meine spontane Wunderheilung eventuell mit der neuen Patientin, die bereits vor dem Zimmer saß, als ich unter Tränen zusammengepackt habe, in Verbindung steht, aber eigentlich ist das jetzt auch egal, denn leider bin ich wohl die Einzige, die meine großartigen Fortschritte, von denen die Ärzt:innen in meinem Arztbrief stolz berichten (mein Tatendrang, meine Arbeitsmoral, meine Hilfsbereitschaft und Kommunikationsfreude), nicht sehen kann. Weder vor einem Jahr noch heute. Im Gegenteil.

Wenn ich den Arztbrief lese, sehe ich eine junge Frau, die Hilfe braucht, aber keine Probleme machen will, keine Arbeit machen will, die bei der Visite einfach lächelt. Sie betont, dass es ihr nicht besonders gut geht, aber „es ist schon machbar, alles okay".  Ich lese zwischen den Zeilen von einer jungen Frau, deren größtes Bestreben während den 10 Wochen in einer psychiatrischen Klinik war, niemandem zur Last zu fallen, Dinge richtig zu machen und gemocht zu werden. Ich lese den Arztbrief und erkenne mich wieder in den Worten, die dort stehen, ein Wunsch, der ursprünglich geäußert worden ist: nicht länger funktionieren, sondern leben. Während ich hier sitze und schreibe, würde ich gerne mit der jungen Frau vor genau einem Jahr reden und sie bitten, fast schon anflehen, loszulassen. Einfach einmal die Kontrolle abzugeben, nicht länger zu funktionieren, nicht länger zu lächeln und zu nicken, sondern sich komplett fallen lassen und zu hoffen, dass jemand sie fängt. Vielleicht, wenn sie das gekonnt hätte, würde es mir heute besser gehen. 

Ich habe in meinen 10 Wochen in der Klinik eine Rolle gespielt, die ich nicht ablegen konnte, und trotz kurzen Hoffnungsschimmers ist der Vorhang am Ende zugezogen worden, ohne dass irgendjemand erkannt hat, dass ich in der für mich selbst kreierte Hauptrolle zugrunde gehe. Noch schlimmer ist jedoch der Gedanke, der mir jedes Mal kommt, wenn ich den 3 Seiten langen Arztbrief mit seinen Tipp-, Genauigkeits- und Rechtschreibfehlern wieder lese: Jeder einzelne Mensch in der Klinik hatte mich und mein Schauspiel durchschaut, aber es war einfacher wegzuschauen. Anscheinend bin ich zu “krank” fürs Leben, für die Klinik aber zu “gesund”. Zumindest auf den ersten Blick.  

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