Das unbequemste Interview mit Willy Iffland

Wenn das Sammeln von Sneakern zum erfolgreichen Business wird

Gäbe es ein männliches Pendant zu Carrie Bradshaw aus "Sex and the City" – "There was a woman who lived in a shoe" – in Leipzig statt New York, es hieße Willy Iffland. Gut, dieser sammelt keine High Heels, sondern Sneaker, und muss trotz dieses Lebensstils auch nicht überlegen, wie er seine nächste Miete bezahlen kann, denn der 31-Jährige gehört zur Top-Liga der deutschen "Sneaker-Bubble". Einer Welt, die für Außenstehende, die mit ihrem BILLY Schuhregal von Ikea ganz gut über die Runden kommen, völlig ungreifbar wirkt, irgendwie auch bizarr. Aber auch einer Welt, die richtig spannend wird, sobald man in sie eintaucht. Wir haben mit dem Content Creator, Ex-Wahl-Berliner und Agentur-Co-Gründer – dem mittlerweile 250.000 Menschen auf Instagram folgen – über seinen vor 10 Jahren entstandenen Schuhtick gesprochen. Hier kommt das unbequemste Interview mit Willy Iffland.

TOMORROW: Nervt es dich, wenn man dich Influencer nennt?

Willy: Ja, absolut. Ich mag das Wort nicht. Es gibt leider einige "Beeinflusser", die ihren Job nicht ganz so gut machen und damit für einen bitteren Beigeschmack sorgen. Wenn mich jemand nach meinem Job fragt, sage ich "Content Creator", das klingt professioneller und weniger abgedroschen. Viele Leute denken "Ach, jetzt hockt der schon wieder auf den Malediven". Sie sehen am Ende nur das fertige Foto, aber nicht die ganze Arbeit, die dafür geleistet werden muss.

Wieviel Geld gibst du monatlich für Schuhe aus?

Aktuell habe ich einen Werbepartner, der mir viele Schuhe besorgt. Es gab aber Zeiten, da waren das schon so 2.000€ bis 3.000€ im Monat. Von diesem Geld könnten andere entspannt ihre Lebensunterhaltungskosten decken. Heute sind es vielleicht noch 500€ bis 1.000€.

Credit: Matthias Wolf

Wie viele Paar Schuhe besitzt du? Kannst du sie noch zählen?

Als ich damals von Berlin nach Leipzig zog, war ich mit rund 650 Paar Schuhen an meinem Peak. Damals sammelte ich einfach nur, um zu sammeln. Heute stehen in meinem Ankleidezimmer noch ca. 130-140 und ich habe mir die Regel auferlegt: Für jeden neuen Sneaker, der kommt, muss ein anderer gehen. Ich habe keinen Bock, zum Messie zu werden. Mit 31 hab ich nicht mehr den Anspruch, der krasseste Sneaker-Sammler Deutschlands zu sein.

"Es ist ein bisschen wie mit Aktien: Es ist eine Wertanlage, bei der es nicht darum geht, den Schuh wirklich zu tragen."

Welches ist das teuerste Paar Schuhe, das du besitzt, und wie teuer war es?

Aktuell ist der teuerste Schuh, den ich besitze, ein Nike x Tom Sachs Mars Yard. Als er damals released wurde, lag er in allen Geschäften ziemlich lange rum und kostete um die 150€. Er ist dann "gegrowed", das heißt, er wurde relativ schnell relativ beliebt und steigerte sich im Wert. Damals kaufte ich ihn für knapp 1.000€, heute jedoch ist er das Siebenfache wert. Es ist ein bisschen wie mit Aktien: Es ist eine Wertanlage, bei der es nicht darum geht, den Schuh wirklich zu tragen. Der steht einfach rum und wird zum richtigen Zeitpunkt verkauft.

Willys NikeCraft x Tom Sachs Mars Yard 2.0 wird aktuell für rund 7.000€ gehandelt

Ich check einfach nicht, wie ein Schuh in so kurzer Zeit so krass an Wert gewinnen kann.

Das ist für Außenstehende, die nicht tief in diesem Kosmos drin sind, kaum zu verstehen. Man könnte es vielleicht mit Pokémon-Karten, PlayStation 5 oder anderen Dingen vergleichen, die plötzlichen einen heftigen Hype erfahren. Zum Beispiel, wenn Galionsfiguren wie Travis Scott oder Kanye West die Schuhe tragen. Grundsätzlich gilt auch: Je limitierter die Auflage, desto beliebter der Schuh. Künstliche Verknappung funktioniert immer. Die Leute kaufen dann alles.

Kommst du mit deinem Status leichter an Schuhe ran als „Normalos“?

Eintausend Prozent ja. Ich kenne die meisten Leute aus den Sneaker Stores und sie kennen mich. Wenn ich etwas haben will, schreibe ich ihnen vorher und frage, ob sie das am Start haben. Und wenn ja, dann bezahle ich aber auch regulär dafür! Es ist Privileg genug, dass ich nicht um Schuhe kämpfen und auch keinen Raffle (Verlosung) gewinnen muss. Ich will Schuhe und ich kriege sie – komme aber selbstverständlich dafür auf. Und "unbeauftragt" zugeschickt wird mir ja auch vieles.

Du gehst also nicht in Stores, packst dein Handy aus und sagst den Leuten dort: "Wisst ihr eigentlich nicht, wer ich bin?!"

Nein, das ist nicht der Fall. Wenn mich jemand aus einem Store mal nicht erkennt, ist es auch mal ganz erfrischend, als „normaler Kunde“ wahrgenommen zu werden.

Hast du deswegen ein schlechtes Gewissen?

Als es noch Campouts gab und Leute wirklich nächtelang vor Stores in Zelten schliefen, nur um an einen Schuh ranzukommen, hatte ich schon ein schlechtes Gewissen. Das krasseste Campout, das ich je mitbekommen habe, ging eine ganze Woche lang! Irgendwann organisierten Stores schon extra Räume, in denen Leute aufs Klo, in die Dusche oder sich auch einfach mal ausruhen konnten. Aber die Zeiten sind vorbei.

Credit: Matthias Wolf

 

Den Rest deines Lebens keine Designerteile mehr kaufen oder ein Jahr keinen Sex mehr haben? Bitte begründen!

Schwierige Frage. Wenn es um High Fashion Teile von beispielsweise Gucci, Louis Vuitton und Co. ginge... würde ich definitiv auf ein Jahr Sex verzichten. Das könnte ich verkraften, weil es endlich wäre. In meiner Branche brauche ich eben hier und da neuen Designer-Kram. Wenn ich aber die Sachen, dir mir geschickt werden, weiterhin annehmen dürfte, DANN würde ich aufs Kaufen verzichten und weiterhin Sex haben (lacht).

 

Welche Kooperation aus der Vergangenheit würdest du nicht noch einmal eingehen?

Es gab einige, die bei meinen Leuten nicht gut ankamen, z.B., weil der Kunde nicht das beste Image und ich mich nicht gut genug informiert hatte. Einmal arbeitete ich mit einem Jacken-Label zusammen, das auch mit Echtpelz arbeitet. Ich hatte es nicht recherchiert. Das fiel mir zurecht auf die Füße. Es kommt schon ab und an vor, dass man sich während der Produktion nicht so wohlfühlt und am liebsten alles abblasen würde, aber die Verträge stehen dann halt schon.

"Dieses ganze Ringen um die grösste Aufmerksamkeit ist toxisch geworden." 

Was fuckt dich an der Modewelt am meisten ab?

Dass Menschen blind tagesaktuellen Trends hinterherjagen. Es gibt immer weniger, die ihren ganz eigenen Stil und einen Wiedererkennungswert haben. Und wenn sie ihn haben, fallen sie aus dem Raster und werden als "nicht fashionfähig" deklariert. Ich mit meinem Style würde nie in der High-Fashion-Liga anerkannt werden, weil ich eben das anziehe, worauf ich Bock habe und nicht das, von dem andere mir sagen, dass es jetzt gerade cool ist. Dieses ganze Ringen um die größte Aufmerksamkeit ist toxisch geworden.

Credit: Matthias Wolf

 

Wie sehr pusht dein Lifestyle dein Ego?

Fakt ist: Schuhe haben mich dorthin gebracht, wo ich heute bin. Ohne meinen Job und Status wäre ich definitiv ein introvertierterer Mensch und hätte bei Weitem nicht das Selbstbewusstsein und Ego, das ich habe. Ich war immer schon groß und schlaksig, eher ein Spargeltarzan. Heute mache ich Sport, bin tätowiert, erfolgreich. Ebenso groß wie mein Ego ist aber auch meine Verletzlichkeit. Natürlich gehe ich abends ins Bett und halte mir vor Augen, dass ich mit 31 schon fast alles erreicht habe, was ich mir je erträumt hatte – aber immer auf einer respektablen Ebene. Ich vergesse nie, woher ich komme und dass ich dahin auch wieder zurückfallen würde, würde ich es verkacken.

Empfindest du manchmal eine Art Schuld daran, dass kleine Kinder immer teurere Klamotten tragen wollen?

Es gibt Leute, die meiner Meinung nach weitaus schlimmer sind, was die schlechte Beeinflussung angeht. Natürlich lebe ich einen etwas "exklusiveren" Lifestyle, ich bin mir aber auch nie zu schade, um meine Reichweite für wichtige Botschaften zu nutzen. Wenn der 14-Jährige Follower, der mein teures Outfit sieht, zu seiner Mama geht und ihr sagt, dass er das gerne auch hätte, ist das natürlich schwierig, aber der Lauf der Dinge.

 Hier geht's zu Willy Ifflands Instagram-Kanal.

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